Die Geschichte der Klais-Orgel

21 Jahre liegen zwischen der Weihe der Pfarrkirche 

St. Bernhard im Frankfurter Nordend am 18. August 1907 und der Weihe der großen Klais-Orgel am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1928.

 

 

Die finanziellen Belastungen durch Bau und Ausstattung der Kirche sowie der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seine Folgen verhinderten zunächst den Bau einer großen Orgel.

 

Die erste von der Firma Johannes Klais in Bonn am Rhein im Jahre 1907 gelieferte Orgel für St. Bernhard war als Interimsinstrument gedacht und hatte folgende Disposition:

I Manual (C-f3)
Prinzipal8'
Gamba8'
Salicional8'
Vox coelestis8'
Doppelflöte8'
Oktavflöte4'
Cornett3-4fach

Pedal (C-d1)
Subbaß16'

Koppeln: Normal-Koppeln, 3 feste Kombinationen (Piano, Mezzoforte, Forte), 1 freie Kombination

 

Wie wichtig und nötig es den Gemeindemitgliedern von St. Bernhard jedoch war, eine der Größe und Bedeutung der Kirche entsprechende Orgel anzuschaffen, zeigt sich beispielsweise darin, dass am 22. November 1927 fast 2.000 Gläubige eine Kirchenmusikalische Andacht des Kirchenchores besuchten, deren Reinerlös zugunsten der geplanten neuen Orgel bestimmt war.

 

Im folgenden Jahr beschloss der Kirchenvorstand von St. Bernhard am 12. März 1928, die bisherige Interimsorgel, durch einen Neubau zu ersetzen. Die Orgel von 1907 kam als Interimsinstrument nach St. Martin in Bingen und wurde im gleichen Jahr von der Pfarrei St. Anton in Leverkusen-Wiesdorf übernommen. Möglicherweise gelangte sie anschliessend in die von St. Anton aus gegründete neue Pfarrei Herz Jesu in Leverkusen-Wiesdorf, dort ist sie nicht mehr vorhanden. Mit dem Neubau der Orgel in St. Bernhard wurde die renommierte Orgelbaufirma Johannes Klais in Bonn am Rhein beauftragt. Am Zweiten Weihnachtstag des Jahres 1928 konnte das neue Instrument mit 50 Registern und knapp 3700 Pfeifen auf elektropneumatischer Kegellade geweiht werden. Dieses Instrument ist in seinen wesentlichen Teilen original erhalten. Feier der Orgelweihe in der St. Bernharduskirche (1928) und Klais-Informationen von 1929

 

Über die neue Orgel von St. Bernhard schrieb der Organist Wilhelm Hohn aus Bad Homburg im Jahre 1930 im Cäcilienvereinsorgan, der Vorgängerzeitschrift der heute noch erscheinenden musica sacra, unter der Überschrift „Das Ideal einer Kirchenorgel, verwirklicht in St. Bernardus zu Frankfurt am Main“: „Mehr Freude! Mehr Sonne im Orgelklang! Ein flüchtiger Blick in die Disposition sagt uns, daß beides vertreten ist, der Glanz der Sonne im Festtagskleid der Zungen, der Schimmer der Freude im leuchtenden Strahlenkranze der Obertöne und Mixturen. [...] Die größte Stärke der Orgel – ich bitte, Stärke jetzt nicht mit ohrenbetäubendem Lärm verwechseln zu wollen – liegt in der wohldurchdachten Disposition, die der Orgelbaumeister, dem Raume der Kirche entsprechend, entworfen hat. Mit Freuden stellen wir darin die Durchführung von Grundsätzen der alten Meisterschule im Orgelbau fest.“ Wilhelm Hohn, Das Ideal einer Kirchenorgel, verwirklicht in St. Bernhardus zu Frankfurt am Main (1930)

 

Den Charakter dieser Orgel beschrieb der Organist von Maria Laach, P. Anselm Ross OSB, im Mai 1929 folgendermaßen: „Wir finden hier keine Kompromissorgel, die alte und neuzeitliche Klangideale unorganisch miteinander verbindet, sondern ein Werk, das einen durchaus einheitlichen Charakter hat […]. Die weite Mensur bestimmter Register verleiht dem Ton eine außerordentliche Klarheit und Tragfähigkeit, wodurch das polyphone Spiel, das dem Wesen der Orgel am meisten entspricht, sehr an Durchsichtigkeit und Plastik gewinnt. Andererseits werden auch die klanglichen und harmonischen Bedürfnisse weithin befriedigt, sodass ebenfalls Werke der romantischen und nachromantischen Zeit stilgerecht wiedergegeben werden können und dem Improvisator reichlich Klangfarben zur Verfügung stehen. […] Das Plenum ist von imponierender Wucht, die vor allem deswegen erhebend, feierlich und sakral wirkt, weil sie nicht mit Gewaltmitteln wie Hochdruck erzeugt wird, sondern das natürliche Ergebnis fein abgewogener Mensurverhältnisse bildet. Infolgedessen ist die Mischungsfähigkeit eine fast unbegrenzte. Durch Anwendung der zahlreichen zarten Aliquotstimmen lässt sich fast jedes Register in der Klangfarbe ändern.“ P. Anselm Ross OSB, Würdigung der Orgel von St. Bernhardus (1929)

 

Ein gutes halbes Jahr später, am 15. Dezember 1929, führte P. Anselm Ross OSB die neue Klais-Orgel des Fritzlarer Domes vor, deren klangliche Konzeption der Orgel von St. Bernhard entspricht, auch wenn das Fritzlarer Instrument 10 Register weniger aufweist. Dieses Instrument ist unverändert erhalten und spiegelt in etwa das Klangerlebnis wider, das auch die Orgel von St. Bernhard vor den Veränderungen der Nachkriegszeit aufwies.

 

Dem Zeitgeschmack entsprechend erhielt die Orgel kein Gehäuse, sondern einen Freipfeifenprospekt („Gartenzaunprospekt“), der sich architektonisch gelungen in das Gewölbe vor der Rosette einfügt. Die 50 Register der Orgel verteilen sich auf 3 Manuale und Pedal: Das Hauptwerk (I. Manual, 14 Register) bildet die Mitte der Orgel, die Rosette freilassend, dahinter das Pedalwerk (10 Register), Positiv (II. Manual, 14 Register) und Schwellwerk (III. Maunal, 12 Register) finden ihren Platz links und rechts in Schwellkästen, die von zum Teil stummen Prospektpfeifen verdeckt werden und sowohl nach vorne als auch nach oben öffnen, wodurch beide Werke sehr präsent im Raum sind.

 

Die Jahre der vielerorts üblichen „Aufhellung“ oder Barockisierung gingen an der Orgel von St. Bernhard relativ glimpflich vorbei, jedoch wurden auch hier einige wenige, dem Zeitgeist der Nachkriegszeit entsprechende Dispositionsänderungen vorgenommen. So beinhaltete die ursprüngliche Disposition im Hauptwerk neben einer 4fachen Mixtur noch ein 3-4faches Cornett. Bei der Bombardierung der Stadt Frankfurt im Zweiten Weltkrieg, bei der auch St. Bernhard in Mitleidenschaft gezogen wurde, fiel die große Fensterrosette in die Orgel hinein und richtete einigen Schaden an. Die Mixtur des Hauptwerks wurde dabei so stark beschädigt, dass sie völlig ersetzt werden musste. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das 3-4fache Cornett entfernt und stattdessen eine zweite Mixtur (Scharff 4fach) eingebaut.

 

St._Bernhard_-_Orgelempore_4.jpgIm Rahmen der Neugestaltung im Jahre 1969 wurde die Pfarrkirche St. Bernhard in die Gestalt gebracht, in der sie sich heute präsentiert. Notwendigerweise musste dafür die Orgel abgetragen werden. Bei dieser Gelegenheit wurde die gesamte Orgel neu verdrahtet und mit neuen Magneten ausgestattet. Der alte Spieltisch, der nicht mehr zuverlässig war, wurde durch einen neuen ersetzt. Zudem wurde eine zweite kleine Spielanlage entfernt, die rechts im Orgelgehäuse ihren Platz hatte und rein pneumatisch das dritte Manual anspielen konnte. Rein pneumatisch bedeutet, dass im Gegensatz zur sonstigen elektropneumatischen Ansteuerung kein Strom mehr notwendig war, sondern nur noch Winddruck, der dann von einem Balgtreter erzeugt wurde. So sollte bei einem möglichen Stromausfall wenigstens ein kleiner Teil der Orgel spielbar gehalten werden. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden die majestätischen Subkoppeln entfernt und die Mixturen der beiden Nebenmanuale ebenfalls durch Neubauten ersetzt.

 

Der alte Spieltisch besaß noch zwei Registerschalter für Glockenspiele, die jedoch nie eingebaut worden waren. Drei feste Kombinationen (unveränderliche Registerzusammenstellungen, die auf Knopfdruck abrufbar sind) wurden nicht mehr eingebaut und eine Schaltung, die bei einem Manualwechsel automatisch vorbereitete Pedalregister einschaltete, wurde durch eine einfache freie Pedalkombination ersetzt. Der Plan einen zweiten Spieltisch im Chorraum der Kirche aufzustellen wurde nicht verwirklicht. Nach einer Generalüberholung in den Jahren 1993/94 präsentiert sich diese nach heutigen Maßstäben fast unbezahlbare und im Raum Frankfurt auf ihre Weise einzigartige Orgel in gutem technischem Zustand.

 

St._Bernhard_-_Orgelempore_1.jpgDie Orgel von St. Bernhard gehört in eine Reihe von Orgeln, die immer seltener werden. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, dass hier praktisch eine Klangwelt konserviert wurde, die heute erst wieder neu entdeckt wird. Viele Orgeln mussten dem geänderten Klangsinn unserer Zeit weichen und sind für immer verstummt. Umso schöner ist es, dass es noch solche Instrumente gibt, auf denen man romantische Literatur adäquat darstellen kann. Natürlich hat dies auch seinen Preis: Wer hier barocke Musik hört, wird oft die fehlende Transparenz und Klarheit vermissen, die man bei Orgeln dieser Zeit finden kann. Und doch ist es erstaunlich, wie gut so manches Orgelstück mit ein paar Kompromissen in der Registrierung auch hier darzustellen ist.

 

Weitere Informationen / Lesenswertes: Siehe rechte Spalte