Stadtdekan zur römischen Kritik am deutschen Ökumene-Papier

Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz äußerte sich in seiner heutigen Predigt in der Heiligen Messe mit Neuer Musik am Kirchort Allerheiligen kritisch über die Zurückweisung des Ökumene-Papiers des deutschen Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) zu einer konfessionsübergreifenden eucharistischen Gastfreundschaft durch die katholische Glaubenskongregation in Rom. 

 

Hier können Sie die Predigt im Wortlaut nachlesen:

 

Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis A in Allerheiligen

 

„In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst“ (Phil 2, 3).

 

Liebe Gemeinde, im September vergangenen Jahres hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologinnen und Theologen, kurz: ÖAK, nach langjährigen Vorarbeiten ein 50-seitiges Positions-Papier veröffentlicht, bei dem der Name Programm ist: „Gemeinsam am Tisch des Herrn“. Der ÖAK hat immer einen evangelischen und einen katholischen Bischof an der Spitze, um die Verbindung mit der Kirchenleitung und dem Lehramt zu gewährleisten. Nach dem Tod von Kardinal Lehmann ist das auf katholischer Seite unser Bischof Georg. Der hat vor einem Jahr im „Haus am Dom“ das Papier präsentiert, sich ausdrücklich dahinter gestellt und gesagt: Wenn jemand das nicht gelten lassen möchte, und sagt: „So nicht!“, dann sage ich: „Okay, so nicht. Aber wie dann?“ 

 

Das ist griffig, und da steckt viel dahinter. Nicht zuletzt das II. Vatikanische Konzil mit seiner Entschiedenheit, den Auftrag des Herrn ernst zu nehmen, dass alle, die an ihn glauben, eins sein sollen, wie er und der Vater eins sind. Der Auftrag, die in Christus vorgebildete und uns von ihm schon erwirkte Einheit der Christen auch sichtbar zu machen, so dass die Welt glauben kann, dieser Auftrag ist unhintergehbar; eine katholische Kirche, die nicht mit allen Christen gemeinsam nach dieser Einheit für die Endzeit suchen wollte, wäre nicht katholisch. Kaum irgendwo ist diese Einheit so wichtig zu suchen und so schwierig zu erreichen wie am „Tisch des Herrn“, wo wir mit Jesus kommunizieren und Leben zu uns nehmen, das den Tod hinter sich hat. „Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben, das alle Erquickung in sich birgt.“

 

Im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils heißt es: „Obgleich bei den von uns getrennten Kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle Einheit mit uns fehlt, und obgleich sie nach unserem Glauben vor allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit (substantia) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im heiligen Abendmahl, dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft. Deshalb sind die Lehre vom Abendmahl des Herrn, von den übrigen Sakramenten, von der Liturgie und von den Dienstämtern der Kirche notwendig Gegenstand des Dialogs“ (UR 22).

 

Wenn man an die endlosen Konferenzen denkt, in denen Ökumene vonstatten geht, dann glaubt man es vielleicht nicht. Aber dieser Dialog ist Herzenssache. Klar braucht man viel Vernunft dafür und Geschick und Besonnenheit. Aber vor allem braucht man Liebe zum Partner. Ohne Liebe macht es keine Freude, und ohne sie geht es auch nicht vorwärts. Wenn der andere manchmal so anders ist, dass man ihn nicht mehr versteht, dann ist das eine Zumutung. Aber ist es wirklich zu viel verlangt – „liebet einander, wie ich euch geliebt habe“?

 

Das hat sich der ÖAK zu Herzen genommen und einen neuen Weg gesucht, der nach meiner Ansicht wirklich weiterführt: die katholische Kirche feiert weiter ihre Eucharistie, und die evangelischen Kirchen feiern weiter ihr Abendmahl; mit allem, was notwendig dazugehört, in der Verantwortung der jeweiligen Kirche, aber so, dass die Kirchen beim Feiern der Wahrheit eingedenk sind, dass stets der Herr selbst die Seinen zu Tisch bittet, und dass sie Gäste des Herrn sein müssen, bevor sie Gastgeber ihrer Mitchristen sein können. Wenn man das vergisst, verliert man das Gespür dafür, was Gnade bedeutet: dass wir vor Gottes Angesicht nichts haben, was wir ihm gegenüber als unser Eigen geltend machen könnten. Alles, was wir haben und anderen geben können, haben wir zuvor selber empfangen. Wir sind nicht die Herren des Mahles und nicht die Herren des Glaubens, auch die Bischöfe nicht; wir sind Diener der Freude, die von Gott kommt. Aus diesem Blickwinkel kann ein Christenmensch die Erkenntnis gewinnen, dass sich der Herr nicht nur im eigenen Gottesdienst präsentiert, sondern auch in dem der anderen. Und sein Gewissen kann dem Christenmenschen bezeugen, dass als katholische Christin sie beim evangelischen Abendmahl, als evangelischer Christ er bei der Hl. Messe eingeladen sind und teilnehmen und kommunizieren können. In meiner Sprache: ich kann erkennen, dass Eucharistie und Abendmahl zwar nicht das Gleiche sind, die Unterschiede liegen ja offen zu Tage, wohl aber das Selbe in zwei verschiedenen Gestalten: beide haben denselben Herrn, der in derselben Bibel dieselben Worte sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis, und beide wollen in derselben Ernsthaftigkeit des Glaubens diesen Worten gehorchen und durch Ihren Glauben selig werden.

 

Die römische Glaubenskongregation hat am vergangenen Montag eine Strassensperre in den Weg gerückt, den der ÖAK vorgezeichnet und den unser Bischof für gangbar erklärt hat. Rom sagt, die Unterschiede seien noch zu weitgehend, als dass man sie auf diese Weise überwinden könnte. Ich bin sehr unglücklich über diese „Lehrmäßige Anmerkung“, weil ich in der kalten Selbstbezogenheit des Textes überhaupt keine Sympathie für das Anliegen und keine Empathie mit denen erkennen kann, die an der Trennung leiden. Natürlich muss man sich gründlich mit den genannten Gründen auseinandersetzen und die eigene Position überprüfen; diesen Gehorsam schulden wir dem Papst immer. Aber wenn unser gut unterrichtetes und kritisch geprüftes Gewissen uns den Weg freigibt, dann dürfen wir ihn auch gehen.

 

Ich möchte im Blick auf die Einheit für die Endzeit unseren Papst und seine Leute mit den Worten unseres Bischofs fragen: „Euer Heiligkeit, Bruder Franziskus, die Glaubenskongregation sagt: „So nicht!“ Okay. Aber: „Wie dann?“ Wie dann mit der Zuvorkommenheit, dem Respekt, dem Wohlwollen, die nicht die anderen uns schulden, sondern wir ihnen, immer neu als ersten Schritt? Wie dann im Geist des Philipperbriefes, heute zweite Lesung: dass wir uns nicht selbst erhöhen, uns nicht selber für weise halten sollen, sondern in Demut einer den anderen höher schätzen soll als sich selbst. Weil Gott den Hoffärtigen widersteht und den Demütigen seine Gnade schenkt. Weil der Heilige Geist zuweilen die anderen so gut ausstattet, dass wir dort am besten sehen können, wie es bei uns gemeint ist. Und weil es einfach schön ist, weil es den Glanz der Wahrheit ausstrahlt, wenn ich neidlos die Schätze des anderen bewundern kann, und im Angesicht des anderen, des Geschätzten, des Geliebten, mich selbst erkenne.

 

„In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst“. Amen