Weihnachtspredigt vom 25. Dezember 2021

Weihnachtspredigt von Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz vom 25. Dezember 2021

 

Die Stille Nacht ist vorüber. Ihr ist ein stiller 24. Dezember vorausgegangen, als hier am Dom schon morgens um acht Menschen anstanden, um sich in der Vorhalle ihre Impfung zu holen. Ich habe sie begrüßt. Sie sahen genauso aus, wie ich mir die „schweigende Mehrheit der Vernünftigen“ vorstelle, der der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache seinen Dank abgestattet hat. Und für uns hier hat jetzt ein stiller Christtag begonnen, wie in Watte gepackt, unter grauem Himmel. Wenn so ein Feiertag in Frankfurt anbricht, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Und auch später sieht man nur wenige Menschen auf der Straße. Die Gottesdienste mit ihrer sehr gezügelten Freude setzen der Stille nicht viel entgegen. Die Beklommenheit der Einzelnen durch die Abstände und die Gedämpftheit der Gebete und Gesänge hinter der Maske tun ein Übriges. Stille Nacht – stiller Tag.

 

Daran ist eigentlich nichts auszusetzen. Ich mag Stille total gerne und komme ohne sie nicht zur Ruhe und nicht zu mir selber. Drinnen kaum Telefon und Klingeltöne, draußen kein Gehupe und Geschimpfe und keine Straßenmusik – wunderbar! Das passt ja auch zur Jahreszeit, die man die „stille“ nennt. Das könnten wir gescheiten Menschen von den Tieren lernen, dass man im Winter ruhen und Kräfte sammeln und ihn nicht zum Sommer und die Nacht nicht zum Tage machen soll.

 

Was die Stille jetzt auch befördert und was den Menschen den Mund verschließt, oft mit so zwei Kerben rechts und links, das ist die Erschöpfung, die nach bald zwei Jahren Pandemie um sich greift und uns zusehends das Wasser abgräbt und erschöpft. Eine Freundin, die in der Schule arbeitet, hat mir von Kindern erzählt, die nur noch ganz wenig und mit wenigen Leuten sprechen und sonst einfach verstummt sind. Das sind nicht viele, aber dass es das überhaupt gibt, ist sehr beunruhigend. Was es auch gibt, zunehmend, ist brüllender Zorn, der nicht Worte setzt, sondern Parolen raushaut und so von der anderen Seite her das Spiel von Wort und Antwort verdirbt und das Gespräch unmöglich macht. Rasende Wut und dumpfes Schweigen: Die Extreme berühren und verstärken einander, das ist sprichwörtlich. Dazwischen, in der Mitte, die Mehrheit der Vernünftigen, wie gesagt. Aber wenn sie immerzu übersieht, überhört und schweigt; wenn sie bloß den Kopf schüttelt und die Achseln zuckt und unbehelligt ihrer Wege gehen möchte, dann bewirkt sie nichts. Sie bringt die Verstummten nicht zur Sprache und die außer sich Geratenen nicht zur Räson. Eine „schweigende Mehrheit der Vernünftigen“ bleibt nicht vernünftig, und sie bleibt auf Dauer auch keine Mehrheit.

 

Der Logos, das Licht der Menschen, leuchtet nur ein, weist einzelnen und einer ganzen Gesellschaft nur den Weg, wenn er zur Sprache kommt und sich Gehör verschafft. Nicht mit Gewalt, das passt nicht zu ihm, wohl aber mit Entschiedenheit fürs Gemeinwohl und mit Leidenschaft für Menschlichkeit. Genau dorthin gehören wir Christen – wo die Betroffenheit öffentlich um Worte ringt, wo die gemeinsame Sprache zur Verständigung dienen muss und wo der Sinn zur Sache geht. Wir brauchen dazu keine Mehrheit, die uns Macht sichert. In Frankfurt haben wir sie schon lange nicht mehr, und in Deutschland verlieren wir sie gerade. Macht nichts! Nicht die Macht brauchen wir, sondern das WORT. Das Wort, das im Anfang war, durch das alles geschaffen wurde, in dem das Licht ist. Das Wort, das in der Stille klingt und im Dunkeln leuchtet. Ein leuchtendes Wort! Ich will Paul Celan, den Dichter der „Todesfuge“, nicht ausnützen, schon gar nicht in der Kirche. Aber in seinem Gedicht „Engführung“ hat er genau das gesagt, was ich meine: „Kam, kam. Kam ein Wort. Kam, kam durch die Nacht. Wollt leuchten, wollt leuchten.“ Das so ein Wort, dass ein Wort so kommt, das ist für mich Weihnachten. Dass es kommt, nicht um dann wieder fort zu gehen, sondern um zu bleiben: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen.“ Und dass es nicht nur so kurz aufleuchtet wie eine Sternschnuppe und gleich verglüht ist, sondern dass es beständig leuchtet: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“. Das ist im Präsens gesagt – eine Verheißung, die noch gilt?

 

Das leuchtende Wort ist nicht in den Wind des Weltalls gesprochen ist, sondern braucht Resonanz und will Antwort, weil es nicht Schall und Rauch ist, sondern Fleisch wurde, sich menschlich verkörpert hat und in diese dialogische Struktur eingestiegen ist, die das Menschsein kennzeichnet.

 

Auf den ältesten Darstellungen von Weihnachten ist das Christkind nicht mit Maria und Josef abgebildet, sondern nur mit Ochs und Esel. Das greift ein schönes Wort bei Jesaja auf: „Der Ochse kennt seinen Besitzer, und der Esel die Krippe seines Herrn“ (1,3). Die beiden Tiere stehen für die Kirche aus Juden und Heiden. „Beide kamen zur einen Krippe und fanden in ihr das Futter des Wortes“ hat Augustinus in einer Weihnachtspredigt gesagt. Gut gesagt, aber es sind halt doch Tiere. Die können viel und bedeuten viel, aber wenn es zum Schwur kommt, wenn es ums Sprechen geht, dann sagt die eine „Muuuh!“, und der andere sagt „I-ah, I-ah!“ Liebe Mitmenschen, das ist noch nicht die Antwort, die sich das WORT erhofft und erwartet. Da müssen wir ran, mit unserer Ansprechbarkeit und unserer Fähigkeit, die andere zu verstehen und sich ihre Anliegen zu eigen zu machen. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ fragt Jesus einmal einen Blinden. Vielleicht können wir an der Krippe die Frage aufgreifen und umdrehen: Jesus, was willst du, dass ich dir tun soll? Wie kann ich dir behilflich sein? Du hast mir die Macht der Kinder Gottes gegeben, wie soll ich sie einsetzen? Wort Gottes, gibst du mir dein Wort, das klärt und stört und tröstet und befreit? Löst du mir die Zunge, wo nicht Schweigen Gold ist, sondern Sprechen?  Hilfst du mir, dass mein Wort das der anderen findet, sich mit gleich bewogenen verschwistert zu einem Gelöbnis für die Freiheit– ich bin versucht zu sagen: für Einigkeit und Recht und Freiheit – und zu einem Bekenntnis zur Menschenfreundlichkeit Gottes, die mit dir in die Welt gekommen ist?

 

Das werden Sie nicht vergebens fragen, liebe Mitmenschen, das garantiere ich Ihnen. Denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“

 

Amen